Warum wächst ausgerechnet
in ENs größter Stadt nix?
Immer noch kein Grass-Anbau in Witten
Deutschland. Seit 1958 dürfen Frauen ohne Erlaubnis ihres Ehemanns arbeiten, seit 2017 dürfen Schwule und Lesben heiraten, seit 2024 ist Marihuana durch das Konsumcannabisgesetz (KCanG) teillegalisiert.
Der Deutsche Bundestag hat das Forschungsverbundprojekt EKOCAN im Herbst 2025 beauftragt, einen Evaluationsbericht zur Entwicklung seit Inkrafttreten des Konsumcannabisgesetzes (1. April 2024) zu erstellen. Darin ist zu lesen: „Das KCanG ist die quantitativ bedeutendste Entkriminalisierung in der Geschichte der Bundesrepublik.“
Im Zusammenhang mit Cannabis ist darüber hinaus ein Rückgang der Straftaten um 90 Prozent zu verzeichnen. „Dieser ist auf die Teillegalisierung des Besitzes und Anbaus von Cannabis zurückzuführen“, so Holger Münch, Chef des Bundeskriminalamts.
Cannabis-Apotheken vs. Schwarzmarkt
Neben der Entkriminalisierung von Cannabis ist die Eindämmung des Schwarzmarkts ein zweites großes Ziel des Gesetzes. Das ist erreicht worden, wenn auch anders, als von der Politik erwartet. Im Internet kann sich jeder Cannabis per Telemedizin mit Online-Rezept direkt nach Hause liefern lassen. Dadurch ist die Importmenge von 32 auf 192 Tonnen angestiegen. Allerdings hat der Konsum in der Bevölkerung laut des EKOCAN-Berichts nicht erheblich zugenommen, was bedeutet: Auf dem Schwarzmarkt sind seit Einführung des KCanG 160 Tonnen Cannabis weniger umgesetzt worden.
Dennoch will die Union die legale telemedizinische Versorgung für Freizeitkonsumenten nun rigoros verbieten. Ebenfalls verboten werden sollen die Anbauvereinigungen, die sogenannten CSCs (Cannabis-Social-Clubs).
Und da wird‘s richtig unfair. Denn die unionsregierten Bundesländer argumentieren mit Zahlen, die sie selbst zu ihren Gunsten manipulieren. Die Tatsache, dass aktuell lediglich 0,1 Prozent des Cannabis-Bedarfs in Deutschland von CSCs gedeckt wird, bezeichnen die unionsregierten Bundesländer als „gravierende Fehlentwicklung“. Gleichzeitig blockieren aber genau diese Bundesländer die Genehmigungen von CSCs. Von rund 3.000 potenziellen CSCs in Deutschland dürfen gerade mal zehn Prozent Cannabis anbauen – kein Wunder also, dass die Bedarfsdeckung durch die Clubs schlicht und einfach nicht höher sein kann. Quoteneindämmung durch Willkür – das ist Volksverdummung.
Das sagt der Experte
Dr. Jakob Manthey, der das Forschungsverbundprojekt EKOCAN koordiniert, brachte es bei der Bundespressekonferenz zur Vorstellung des ersten Zwischenberichts zur Evaluation auf den Punkt: „Sofern der Gesetzgeber priorisieren möchte, dass der Schwarzmarkt stärker und schneller verdrängt wird, sollte überlegt werden, inwiefern die Vorgaben für die Produktion und für den Anbau von Cannabis in Anbauvereinigungen vereinfacht werden sollten. Denn ohne entsprechende Korrekturen ist mittelfristig kein bedeutender Beitrag von Anbauvereinigungen zur Schwarzmarktverdrängung zu erwarten.“
Immer noch kein Anbau in Witten möglich
Mit dem Problem der Genehmigung haben auch Wittens CSCs zu kämpfen. Rund ein halbes Dutzend Vereine hatte sich gegründet und ist zum Teil wieder von der Bildfläche verschwunden, weil keiner der Vereine Grass anbauen durfte. Wir haben mit Roy Zylla, Vorsitzendem vom „Mariana Cannabis Social Club“ über diese Problematik gesprochen. Der Mariana Cannabis Social Club mit Hauptsitz in Göttingen ist ein Gesamtverein, dem bundesweit 180 Zweigvereine mit insgesamt 19.000 Mitgliedern angehören, darunter auch der Wittener Club.
Warum bekommt man in Dortmund, Bochum oder Ennepetal einen CSC auf die Reihe, aber nicht in Witten?
Das Konzept von Mariana sieht eine Cluster-Gestaltung mit mehreren Standorten in einer Anbauanlage vor. Diesbezüglich gibt es in NRW Schwierigkeiten mit bürokratischen Hürden. Aber wir suchen gemeinsam mit dem Gesamtverein, und hoffen, dass wir im Sommer oder Herbst dieses Jahres in Niedersachsen anbauen können. Die Ausgabe an unsere Mitglieder wird dann in Witten stattfinden.
Der Gesamtverein ist in der Öffentlichkeit in die Kritik geraten, weil viele der insgesamt 19.000 Mitglieder seit Monaten Beiträge bezahlen, aber noch nicht ein einziges Gramm Grass bekommen haben. Lediglich sechs der 180 Zweigvereine dürfen aktuell anbauen. Wird man da nicht misstrauisch?
Grundsätzlich ist der finanzielle Background in einem großen Verein besser. Aber ich war auch an dem Punkt: Wie geht es weiter? Wenn die Behörden einem nicht immer Steine in den Weg legen würden, wäre es deutlich einfacher. Wir lernen aus der Tatsache, dass bei Mariana nicht immer alles transparent zu sehen war. Das hat sich deutlich verbessert, und wir stehen im Verein alle hinter der Sache.
An wen kann ein CSC Grass verkaufen?
Nur an seine Mitglieder.
Woher kommt im Verein das Know-how für den Anbau?
Man lernt voneinander. Ein Freund im Verein hat sich viel theoretisches Wissen angeeignet, und es gibt auch Mitglieder, die selbst anbauen.
Was kostet das Vereins-Grass?
Angedacht sind, je nach Sorte, etwa sieben Euro pro Gramm.
Wenn ich als Cannabis-Patient Auto fahre, darf ich mehr THC im Blut haben. Das ist, als würde man bei Alkohol sagen: Wer professionell säuft, darf mit mehr Promille fahren. Warum und wie sollten die Kontrollmethoden bei Cannabis geändert werden?
Das Gesetz ist von Anfang bis Ende nicht wirklich durchdacht, aber wie soll das auch funktionieren, wenn die Erfahrung fehlt? Die Grenzwerte sollten auf jeden Fall angepasst werden.
Im Oktober gab es einen Gesetzentwurf zur Änderung des Medizinal-Cannabisgesetzes. Auch CSCs sollen wieder verboten werden. Wohin würde das führen?
Dann wären wir da, wo wir vor der Teillegalisierung waren, und der Schwarzmarkt würde wieder weiter aufblühen.
Inwiefern schadet die immer noch extrem konservative Auseinandersetzung der Medien mit dem Thema der Akzeptanz von Cannabis in der Bevölkerung? Gesoffen werden darf, bis der Arzt kommt oder bis er zu spät kommt, während eine vergleichsweise harmlose Droge wie Cannabis weiterhin mit einem zwielichtigen Umfeld in Verbindung gebracht und stigmatisiert wird.
Man sollte viel offener mit dem Thema umgehen, aber zumindest in meinem Umfeld merke ich, dass die Akzeptanz größer wird. So langsam ändert sich, glaube ich, auch in der Bevölkerung das Bewusstsein ein bisschen. Und generell bin ich dafür, dass Alkohol nur noch in Fachgeschäften ausgegeben werden soll.
Vielen Dank für das Gespräch.

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